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Fette Studioproduktion, magere Bühnenshow?

Bei meinem Workshop „Digitale Sounds live on Stage“ beim Hamburger Popkurs habe ich mit den Teilnehmern diskutiert, wie sich moderne Studioproduktionen optimal auf die Bühne übertragen lassen.

Digitale Synthesizer-Sounds, abgefahrene Vocaleffekte und elektronische Beats. Im Studio ist viel Zeit zum experimentieren und für jeden Song können die Technologien neu kombiniert werden. Wie sich die komplexen Aufnahmesituationen adäquat in eine Bühnenshow überführen lassen, war die Kernfrage unserer Diskussion. Der Kurs richtete sich vor allem an Musiker die erst wenig oder keine Erfahrung mit elektronischer Klangerzeugung und Effekten haben.

Gregor Steinbrecher - Dozent beim Popkurs Hamburg

Playbacks – „Fast jeder hat was mitlaufen“

Viele Musiker stehen früher oder später vor der Entscheidung, wie sie ihre fertige Studioproduktion auf die Bühne bringen. Vor allem im radiotauglichen Mainstream-Pop, aber auch in modernen Produktionen vieler anderer Genres werden im Studio oft Techniken benutzt, die schwer auf die Bühne zu übertragen sind. Eines dieser Verfahren ist das Overdubbing. Dabei spielt z.B. ein Gitarrist viele Gitarrenlinien hintereinander ein. Die einzelnen Aufnahmen schichtet der Produzent dann im Computer so übereinander, dass alle Gitarrenspuren gleichzeitig gleichzeitig. Live ließe sich so etwas nur mit vielen Musikern umsetzen, die sich kaum ein Künstler leisten kann. Oft werden also manche dieser Spuren vom Computer als sogenannter Backing Track abgespielt. Die Sängerin und Popkurs-Dozentin Jane Comerford berichtete im Workshop: Aus eigener Erfahrung wisse sie, dass „heutzutage fast jeder etwas mitlaufen hat“. Und tatsächlich: schaut man sich bei größeren deutschen und internationalen Produktionen auf der Bühne um, findet sich bei vielen Künstlern ein Computer zum Abspielen der Backing Tracks im Live-Setup. Für welche Musiker ein solches Vorgehen sinnvoll ist und wie sie das technisch umsetzen können, haben wir im Workshop diskutiert. Anschließend gab es in kleineren Gruppen eine Einführung in die Software Ableton Live. Für das Abspielen von Backing Tracks ist dieses Programm State of the Art.

Ableton Live - Arangement View
Ableton Live – Die Software für die Umsetzung komplexer elektronischer Arrangements auf der Bühne.

Effekte, elektro-Beats & Synthies

Es gibt eine riesige Auswahl elektronischer Instrumente und Effekte. Im Studio bedienen sich die Produzenten gern vieler unterschiedlicher Geräte. Auf der Bühne gilt es diese Soundfülle dann auf das nötigste runterzubrechen. Z.B. wäre es ein riesiger Aufwand, in jedem Song einen anderen Synthesizer zu spielen. Stattdessen versuchen viele Bands ein- oder zwei Synthies zu finden mit denen sie möglichst viele der Studiosounds nachahmen können.

Bei elektronisch produzierten Beats stellt sich die Frage ob und wie ein Live-Schlagzeuger die Sounds umsetzen kann. Manchmal macht es Sinn die musikalische Idee auf akustische Drums zu übertragen. Oft werden aber auch Samplepads oder Drumcomputer mit auf die Bühne genommen. Auch zu diesem Thema haben wir verschiedene Methoden und Geräte besprochen.

Die eigene Position finden

Viele Bands führen erbitterte Diskussionen über Playbacks oder ob der Bassist auch Keyboard spielen soll. Oder ob der Beat lieber vom Drumcomputer statt vom echten Schlagzeuger gespielt wird. Auch Akteure aus dem Musikbusiness tragen Erwartungen an einen zeitgemäßen Bühnensound an die Künstler heran. Und da viele Bands ihren Livesound durch Playbacks aufpumpen, wird eben dieser Sound auch erwartet. Ziel des Workshops war es, dass die jungen Musiker eine eigene Haltung zu diesen Themen entwickeln. Das Wissen, welchen Einfluss moderne Musiktechnologien auf die Bühnenshow haben – welche vor- und Nachteile damit verbunden sind – gibt den Teilnehmern die Möglichkeit eine eigene Position zu beziehen und mit guten Argumenten ihren eigenen Weg zu finden. Denn Wege gibt es, wie so oft, auch in diesem Bereich viele!